Tuesday, October 17, 2006

Das Zitat!

Wer kennt es nicht, das berühmte Zitat des Heiligen Augustinus, welches richtig so heißt: "Dilige, et quod vis fac." (In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8.)?

Ein schöner und wahrer Satz, der aber einen ganzen Berg von Problemen mit sich bringt. Da wären zuert einmal die achtunddreißigtausend verschiedenen Zitierungen und Übersetzungen:
- Ama, et fac quod vis
- Ama Deum, et fac quod vis
- Liebe und tu was Du willst
- Liebe Gott und tu was du willst
- Liebe - und dann tu was Du willst
usw.

Und dann kommt natürlich noch die Interpretation hinzu. Und die ist - wenn auf subjektivem Empfinden und persönlicher Neigung basierend - in der Regel extrem haarig.

So traf ich im Sommer im Stift eine Dame, die, als ich während einer Führung durch die Kirche den Namen Augustinus fallen ließ, ganz begeistert von dessen laissez-faire-Attitüde schwärmte, weil sie den Satz wörtlich nahm: "Ich liebe (egal was oder wen), also darf ich tun was ich will". So ist das natürlich mitnichten gemeint, weswegen das in einige Übersetzungen hineingeschmuggelte Wörtchen "Deum" bzw. "Gott" wenn auch nicht korrekt, so doch eine gewisse Hilfestellung ist.

Denn natürlich ist es so gemeint, daß wir Gott lieben sollen und dann tun können, was wir wünschen. Aber auch hier ist vollkommene Klarheit noch immer nicht hergestellt. Denn mit "Gott lieben" ist eine spezielle Art und Intensität der Liebe gemeint: Erst, wenn wir Gott so lieben, daß wir tatsächlich auf ihn hören und ihn mit unserem ganzen Wesen als das akzeptieren, was er ist, erst dann sind wir frei zu tun, was wir wollen. Und dann wird, was immer wir tun, ohnehin nur das sein, was Gott von uns verlangt.

Jetzt gibt es hier natürlich Einwände wie zum Beispiel: "Ja, aber dann ist das ganze ja 'ne Mogelpackung. Wenn durch die Liebe zu Gott mein Handlungsspielraum so eingeschränkt wird, dann kann ich ja am Ende doch nicht mehr tun, was ich will."

Es sollte aber an dieser Stelle bedacht werden, daß all die Dinge, die wir aufgrund unserer Liebe zu Gott nicht mehr zu tun wünschen, entweder Dinge sind, die man selbst als Atheist nicht tun sollte (Diebstahl, Mord, Betrug, Verleumdung etc.), oder eben die Dinge sind, die uns vielleicht hin und wieder mal kräftig das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, aber ansonsten eigentlich zu nix gut sind, außer, daß sie vielleicht ein fünkchenkurzes Bedürfnis stillen (sich sinnlos besaufen, Schwächere herumschubsen, lästern, unter den Rock gucken usw.) und uns dann am Ende doch recht leer und unbefriedigt zurücklassen.

Also: "Dilige, et quod vis fac."

Sunday, October 08, 2006

Das Ostia-Erlebnis

Zuerst einmal der Text:
    "Als aber der Tag nahte, an dem sie aus diesem Leben scheiden sollte, nur dir, nicht uns war er bekannt, da begab es sich durch dein geheimes Walten, daß wir, die Mutter und ich, allein an ein Fenster gelehnt standen, das eine Aussicht auf den Garten unseres Hauses gewährte, dort in Ostia an dem Tiber war es, wo wir in stiller Zurückgezogenheit nach den Beschwerden einer langwierigen Reise uns zum Einschiffen vorbereiteten; ein trautes liebliches Gespräch war es, wir vergaßen, was dahinten ist, und streckten uns zu dem, was da vorne ist, und forschten unter uns bei der Wahrheit, die da gegenwärtig ist und die du bist, nach der zukünftigen Herrlichkeit deiner Heiligen, die kein Auge geschaut und kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gedrungen ist. Sehnsuchtsvoll öffneten wir unsern Mund, Quellwasser von oben, die Quelle des Lebens, die bei dir ist, auf daß wir, nach unserem Fassungsvermögen, von ihr besprengt, solch erhabnen Gegenstand nach allen Seiten hin betrachteten.

    Als nun unsere Rede dahin gelangte, daß auch die höchste sinnliche Freude, wie sie das leibliche Auge zu schauen vermag, vor der Wonne jenes Lebens keiner Vergleichung, geschweige denn Erwähnung wert schien, uns in glühender Sehnsucht zu ihm selbst erhebend, durchwandelten wir im Geiste stufenweise alles Sinnliche, ja selbst den Himmel, von welchem Sonne, Mond und Sterne auf die Erde herabglänzen. Dann drangen wir weiter empor im Bedenken, Besprechen und Bewundern deiner Werke und kamen auf unsern Geist, und auch darüber schritten wir hinaus, um das Gebiet unvergänglicher Fülle zu erreichen, wo du Israel weidest reichlich mit der Nahrung der Wahrheit und wo Weisheit das Leben ist, durch welches alles entsteht, Vergangenes und Zukünftiges; sie selbst aber wird nicht, sie ist, wie sie war, und wird immer so sein, denn Vergangenheit und Zukunft ist nicht in ihr, sondern allein das Sein, weil sie ewig ist; gewesen sein und sein werden ist aber nicht ewig. Und während wir so redeten und uns nach ihr sehnten, da berührten wir sie leise mit dem vollen Schlage des Herzens, seufzten und ließen dort gebunden die Erstlinge unseres Geistes zurück und kehrten uns wieder zum Laut unseres Mundes, wo das Wort beginnt und endet. Und was gleicht deinem Worte, unserem Gebieter, das ohne zu altem in sich bleibt und alles erneut?

    Dann sprachen wir: Wenn des Fleisches Ungestüm schweigt, wenn die Bilder der Erde, das Wasser und die Luft schweigen, wenn auch die Pole schweigen, wenn auch die Seele selber sich schweigt und über den Gedanken ihrer selbst sich erhebt, wenn Träume und Bilder der Offenbarung schweigen, jedes Wort, jedes Zeichen und alles, was vorübergeht, wenn alles dies für uns schweigt; denn alles dies verkündigt ja: Nicht wir selbst haben uns gemacht, sondern Er hat uns gemacht, der in Ewigkeit bleibet, wenn sie nach diesen Worten schweigen, nachdem sie das Ohr zu dem aufgerichtet haben, der sie gemacht hat, und er selbst allein redet, nicht durch jene, sondern durch sich selbst, und wir sein Wort vernehmen, nicht durch die Zunge des Fleisches noch durch die Stimme des Engels noch durch den Hall der Wolke noch durch den Schatten des Gleichnisses, sondern ihn selbst, den wir in jenem heben, ohne jenes zu vernehmen, wie wir uns nun zu ihm erhoben haben und in vorüberfliegender Betrachtung die ewig über allem ruhende Weisheit berührt haben, wenn diese Betrachtung dauert und jegliche Anschauungen weit niederer Art entschwunden sind und sie allein uns hinreißt und in sich aufnimmt und in innerlichster Wonne ihren Schauenden birgt und solches Leben ewig währet, wie wir es jetzt aufatmend in einem Augenblicke geschmeckt haben, erfüllt sich dann nicht das Wort: Gehe ein zu deines Herrn Freude? Und wann wird dies stattfinden? Etwa, wenn wir alle auferstehen, aber nicht alle verwandelt werden?

Schauder! Dies ist eine meiner absoluten Lieblingsstellen aus den "Confessiones". Als ich sie zum ersten Mal las, da stand ich wirklich mit Augustinus und Monica am Fenster. Natürlich erhob ich mich nicht einmal ansatzweise so weit, wie sie es taten, aber ich hatte tatsächlich das Gefühl, dabeizusein und wenigstens ein wenig verlegen zu lächeln, so wie ein kleiner Bub, der den Erwachsenen zuhört und nichts versteht. Klasse, wie der alte Meister hier knapp die Welt des Stofflichen durchschreitet, sie abtut und letzlich nicht nur ihre Sprache, sondern gar die Sprache all dessen, was nicht unmittelbar Gott ist, ignorieren will. Engelszungen, Gleichnisse, Wolkenschall, all das ist ja auch nur von Gott und durch Gott.

Ja, es gibt eine Stimme, nach der wir uns sehnen. Eine Stimme, die wir hier auf Erden nicht hören werden. Ein Stimme, die uns trotzdem drängt und lenkt, denn, wie schon einmal zitiert:
    "...geschaffen hast Du uns zu Dir, und ruhelos ist unser Herz, bis daß es seine Ruhe hat in Dir."