Wednesday, February 07, 2007

Augustinus und Alypius, Teil III

Aus dem sechsten Buch der Confessiones, Kapitel 9:
    Indes bewahrte er einstweilen dieses Vorkommnis als Heilmittel für die Zukunft in seinem Gedächtnis. Denn auch folgenden Vorfall hast du nach meiner Meinung nur deshalb zugelassen, unser Gott, dass jener, der ein so grosser Mann werden sollte, schon früh zu lernen beginne, dass bei Entscheidungen über Streitigkeiten nicht leicht ein Mensch einen anderen in frevelhafter Leichtgläubigkeit verdammen dürfe. Denn als er mein Hörer in Karthago war und des Mittags auf dem Forum nach Studentenart darüber nachdachte, was er vortragen solle, da hast du ihn von den Tempelwächtern wie einen Dieb ergreifen lassen. Er ging nämlich allein vor dem Tribunal mit Tafel und Griffel auf und ab, als plötzlich ein Jüngling aus der Zahl der Studenten, der richtige Dieb, der verborgen ein Beil bei sich trug, ohne dass Alypius es bemerkte, an das Bleigitter, das die Wechslergasse überragt, ging und das Blei abzuschlagen begann. Als aber die Wechsler, welche unten waren, die Beilschläge vernahmen, besprachen sie sich leise und schickten Häscher aus, die festnehmen sollten, wen sie fänden. Der Dieb hörte ihre Stimmen und eilte unter Zurücklassung seines Werkzeuges davon aus Furcht, mit ihm festgenommen zu werden. Alypius aber, der ihn nicht hatte eintreten sehen, gewahrte ihn beim Herauskommen und sah, wie er in Eile verschwand. Neugierig nach der Ursache betrat er den Ort, fand das Beil vor, blieb dabei stehen und betrachtete es voller Verwunderung. Da plötzlich kamen die Häscher und fanden ihn allein mit dem Beil in der Hand, dessen Schall sie herbeigezogen hatte. Sie nahmen ihn fest und schleppten ihn fort; die Bewohner des Forums liefen zusammen, während sich jene rühmten, auf offener Tat den Dieb ertappt zu haben. So wurde er fortgeführt, um dem Richter übergeben zu werden.
Na klasse! Erst Gladiatorenkämpfe, dann Fechtspiele und jetzt auch noch - obwohl unschuldig - wegen Diebstahls festgenommen. Quicklebendige Vita, die mein Namenspatron da aufweist.
    Doch hierbei sollte die Lehre, die du ihm geben wolltest, ihr Ende haben. Denn sogleich, o Herr, kamst du seiner Unschuld zu Hilfe, deren einziger Zeuge du warst. Denn als er zur Haft oder zur Strafe hinweggeführt wurde, begegnete ihnen ein Baumeister, der die Oberaufsicht über die öffentlichen Bauten hatte. Jene freuen sich, gerade diesem zu begegnen, da dieser sie des Diebstahls der Gegenstände, die vom Forum wegkamen, gewöhnlich verdächtigte, auf dass er endlich den richtigen Täter erkenne. Aber der Mann hatte Alypius häufig in dem Hause eines Senatoren, wenn er ihm seine Aufwartung zu machen pflegte, getroffen; er erkannte ihn sofort, ergriff ihn bei der Hand, führte ihn abseits von der Schar und fragte ihn nach der Ursache so grossen Missgeschickes. Als er den Vorgang erfahren hatte, hiess er alle Anwesenden, mochten sie auch noch so sehr lärmen und Drohworte ausstossen, ihm folgen. Und sie kamen an das Haus des Jünglings, der die Tat begangen hatte. Vor der Tür stand ein Sklave, der aber zu klein war, um in seiner Aussage schlimme Folgen für seinen Herrn zu sehen, und der alles angeben konnte, denn er hatte ihn auf das Forum begleitet, Alypius erinnerte sich dessen und machte den Baumeister darauf aufmerksam. Dieser zeigte das Beil und fragte den Sklaven, wem es gehöre. Der antwortete sofort: "Meinem Herrn"; auf weitere Fragen gestand er noch alles übrige. So wurde der Handel in jenes Haus verlegt und die Menge, die bereits über ihn triumphiert hatte, beschämt. Er aber, der kräftige Verwalter deines Wortes, der Schiedsrichter in so vielen kirchlichen Angelegenheiten, ging, um Erfahrungen und Belehrungen bereichert, von dannen.
Hmm, war ja dann doch alles nicht so arg. Und in der Tat mag dieser kleine Lehrgang den Heiligen Alypius dazu bewogen haben, in den zahllosen Streitigkeiten, die er als späterer Bischof von Tagaste zu schlichten hatte, nicht vorschnell zu urteilen.


Monday, February 05, 2007

Augustinus und Alypius, Teil II

Aus dem sechsten Buch der Confessiones, Kapitel 8:
    Da er die ihm von den Eltern angepriesene irdische Laufbahn nicht verlassen wollte, war er mir nach Rom vorausgeeilt, um Rechtswissenschaft zu studieren; hier aber ließ er sich unbegreiflicher Weise von einer unbegreiflichen Leidenschaft für die Fechterspiele hinreissen. Denn obwohl er derlei verschmähte und verabscheute, führten ihn doch einige Freunde und Kommilitonen, denen er bei der Rückkehr vom Mahle unterwegs begegnete, an einem der grausamen und unheilvollen Spieltage trotz seiner Weigerung und seines entschiedenen Widerstrebens mit freundschaftlicher Gewalt ins Amphitheater. Zwar sprach er dabei: "Wenn ihr meinen Leib dorthin schleppt, könnt ihr etwa auch meinen Geist und meine Augen auf jene Schauspiele hinbannen? Ich werde also zugegen und doch abwesend sein und so über euch und über die Spiele den Sieg davontragen".
Wacker!
    Seine Freunde nahmen ihn trotzdem mit, vielleicht auch, um in Erfahrung zu bringen, ob er es durchsetzen könne. Als sie dorthin kamen und, wo es eben ging, Platz nahmen, erglühte schon alles in wilder Lust. Alypius verschloss die Fenster seiner Augen und verbot seinem Geiste, sich auf schändliche Vorgänge einzulassen. Hätte er doch auch die Ohren verstopft! Denn als einer im Kampfe fiel und deshalb ungeheurer Lärm des Volkes gewaltig an ihn heranbrauste, öffnete er, von Neugier überwältigt, immerhin aber entschlossen, was es auch sein möchte, auch wenn er es gesehen, zu verachten und überwinden, seine Augen - und wurde schwerer an der Seele verwundet als der, den zu sehen ihn gelüstet, am Körper, und elender fiel er hin als der, durch dessen Fall das Geschrei entstanden war. Durch seine Ohren drang es ein und seine Augen erschloss es, so dass er getroffen und niedergeworfen werden konnte; denn er war gar nicht starken Mutes, sondern mehr verwegen, und umso schwächer, da er nicht auf dich, wie er sollte, sondern auf sich vertraut hatte. Denn wie er das Blut sah, schlurfte er mit dem Blutgeruch auch unmässige Wildheit in sich hinein; statt sich abzuwenden, heftete er fest seinen Blick darauf, schlang die Wut in sich, ohne es zu wissen, und hatte seine Freude an dem verbrecherischen Kampfe und berauschte sich in blutgieriger Wollust.
Och menno! Was hab ich mir denn da für einen Namenspatron ausgesucht?
    Schon war er nicht mehr derselbe, der gekommen war, sondern einer aus der Menge, zu der er gekommen war, und ein richtiger Genosse derer, die ihn hergeführt hatten. Was soll ich noch sagen? Er schaute zu und schrie und tobte und trug von dort das wahnsinnige Verlangen mit sich, das ihn anstachelte, wiederzukommen, nicht mehr in der Gefolgschaft jener, sondern noch vor ihnen und andere mit sich schleppend. Doch aus dieser Gefahr hast du mit allmächtiger und allbarmherziger Hand ihn errettet und gelehrt, nicht auf sich, sondern auf dich sein Vertrauen zu setzen; doch das geschah erst lange nachher.
Na, besser spät als nie!


Saturday, February 03, 2007

Augustinus und Depardieu

Aus der Zeitschrift 30 Tage:

    „Ich bin glücklich. Wenn ich ihm vorher begegnet wäre, hätte ich mir Jahre beim Psychiater sparen können.“ So der französische Schauspieler über seine Begegnung mit Augustinus. Und dann liest er – was kaum jemand erwartet hätte – an einem eiskalten Sonntagmorgen im Februar aus den Confessiones vor. Chronik eines ganz besonderen Tages.

Der Artikel ist älter (von 2003) und lang, aber es lohnt sich, mal reinzuschauen!

Friday, February 02, 2007

Augustinus und Alypius, Teil I

Aus dem sechsten Buch der Confessiones, Kapitel 7:
    Zusammen klagten wir in dieser Lage, die wir freundschaftlich zusammen lebten, und am meisten besprach ich mich hierüber mit Alypius und Nebridius. Von diesen stammte Alypius aus derselben Stadt wie ich, der Sohn einer der ersten Bürgerfamilien daselbst, nur jünger als ich. Er war mein Hörer gewesen, als ich in der Vaterstadt zu lehren begann, später in Karthago; mich liebte er gar sehr, weil er mich für gut und gelehrt hielt, ich ihn wegen seiner grossen Anlage zur Tugend, die trotz seines jugendlichen Alters in ihm hervorleuchtete. Doch der Strudel karthagischer Sitten, in dem jene nichtsnutzigen Schauspiele so gut gedeihen, hatte auch ihn in wahnsinnige Begeisterung für Zirkusspiele hineingerissen. Während ihn diese Leidenschaft jämmerlich packte, trug ich dort in einer öffentlichen Schule Rhetorik vor, war aber noch nicht sein Lehrer wegen eines Zwistes, der zwischen mir und seinem Vater ausgebrochen war. Ich hatte erfahren, dass er eine verderbliche Leidenschaft für den Zirkus gefasst hatte, und empfand schwere Besorgnisse, weil er offensichtlich auf diesem Wege seine großen Anlagen zerstören musste oder vielleicht schon zerstört hatte. Doch ihn zu warnen oder durch irgendeine Zurechtweisung von seinem Wege abzubringen, boten mir weder die Liebe des Freundes noch das Recht des Lehrers Gelegenheit. Ich glaubte, er teile seines Vaters Ansicht über mich; aber dem war nicht so. In dieser Beziehung achtete er nicht den Willen seines Vaters und fing an, mich zu grüßen, in meinen Hörsaal zu kommen, eine Zeitlang mir zuzuhören und dann wieder sich zu entfernen.
Gulp! Mein Namenspatron ein blutrünstiger Fan der Gladiatorenkämpfe? Aber keine Bange: Augustinus - bzw. Gott der Herr - haben wie üblich alles voll im Griff:
    Indes dachte ich nicht mehr daran, mit ihm zu sprechen, er solle doch nicht durch blinde, verderbliche Leidenschaft für törichte Spiele sein schönes Talent zu Grunde richten, Du aber, Herr, der du der Lenker deiner Schöpfung bist, du hattest den nicht vergessen, der einst der Vorsteher deiner heiligen Geheimnisse unter deinen Kindern sein sollte, und damit seine Besserung offensichtlich dir zugeschrieben werde, so hast du sie - durch mich, allerdings ohne mein Wissen bewirkt. Denn als ich eines Tages mitten zwischen meinen Schülern an meinem gewöhnlichen Platze sass, kam er, grüsste mich, setzte sich und gab acht auf das, was gerade verhandelt wurde. Zufällig hatte ich ein Lesestück in Händen; bei dessen Erklärung glaubte ich, einen Vergleich mit den Zirkusspielen ganz passend anwenden zu können, damit meine Unterweisung angenehmer und deutlicher würde. Mit beissendem Spotte traf ich dabei die, die jener Wahnsinn in seine Fesseln geschlagen hatte. Du, o Gott, weißt es, dass ich damals nicht daran gedacht habe, den Alypius von dieser Pest zu heilen. Aber er bezog meine Worte auf sich und glaubte, ich hätte sie nur seinetwegen gesprochen. Das hätte einen anderen veranlasst, mir zu zürnen, jener ehrenhafte Jüngling aber nahm daraus Anlass, sich selber zu zürnen, umso inniger aber mich zu lieben. Du hattest schon früher gesagt und deinen Büchern eingefügt: "Strafe den Weisen, und er wird dich lieben". Allein ich hatte ihn nicht gestraft, sondern du, der du dich aller bedienst, mit ihrem Wissen und ohne ihr Wissen und in der dir bekannten Ordnung - und diese Ordnung ist gut -, du hast aus meinem Herzen und aus meiner Zunge glühende Kohlen gemacht, mit welchen du seinen hoffnungsvollen, aber schon angeeiterten Geist ausbrennen und heilen wolltest. Schweigen möge von deinem Lobe, wer deine Erbarmungen nicht erwägt, die dich aus meinem Innersten preisen. Denn jener schwang sich alsbald auf meine Worte aus der so tiefen Grube empor, in die er mit Freuden untergetaucht war und die ihn mit elender Lust umnachtet hatte; mit starkmütiger Entsagung schüttelte er alles von sich, und der Schmutz der Zirkusspiele fiel von ihm ab, und er ging nicht mehr dahin. Dann überwand er auch das Widerstreben seines Vaters, dass er meinen Unterricht besuchen dürfe: dieser gab nach und gab es zu. Wieder begann er, meine Vorlesungen zu besuchen und wurde mit mir in den Aberglauben der Manichäer verwickelt, da er ihre öffentlich zur Schau getragene Enthaltsamkeit, die er für wahr und echt hielt, liebte. Aber sie war sinnlos und verführerisch und zog kostbare Seelen, die die Tiefe der Tugend noch nicht zu ergründen verstanden und sich leicht von der Oberfläche einer unwahren und erheuchelten Tugend täuschen ließen, in ihre Netze.
Und auch aus den Netzen der Manichäer haben die Beiden sich erfolgreich befreit.