Sunday, November 18, 2007

Aus der Rede über die Hirten der Kirche

    "Die verscheuchten Schafe holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht." Wir befinden uns in den Händen von Räubern und zwischen den Zähnen wütender Wölfe. Angesichts dieser Gefahren bitten wir um euer Gebet. Die Schafe sind widerspenstig. Werden die verirrten Schafe gesucht, dann sagen sie in ihrer Verirrung zu ihrem eigenen Verderben: "Was wollt ihr von uns? Was sucht ihr uns?" Denn sie haben sich von uns entfremdet. Als ob der Grund, warum wir sie lieben und suchen, nicht eben der wäre, daß sie verirrt und verscheucht sind. Das verirrte Schaf wird sagen: "Wenn ich verirrt bin oder verscheucht, wieso liebst du mich und was suchst du mich?" Der Hirte wird antworten: "Eben weil du verirrt bist, will ich dich zurückholen; weil du verscheucht bist, will ich dich suchen." Und wiederum wird das Schaf sagen: "Dann will ich verirrt sein, dann will ich verloren sein."

    So, du willst also verirrt sein, und du willst verloren sein? Um so mehr aber will ich das nicht. Ja, ich wage zu sagen, daß ich ungelegen komme. Ich höre den Apostel sagen: "Verkünde das Wort, tritt dafür ein, zu gelegener und zu ungelegener Zeit." Für wen zu gelegener Zeit? Für wen zu ungelegener Zeit? Gelegen für die, die wollen, ungelegen für die, die nicht wollen. Ich bin ein ganz Lästiger und wage zu sagen: "Du zwar willst dich verirren, du willst verloren sein. Aber ich will das nicht!" Schließlich will es auch der nicht, der mich in Furcht versetzt! Wollte ich es auch, so höre du, was er sagt, wie er tadelt: "Die verscheuchten Schafe holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht." Soll ich dich mehr fürchten als ihn? "Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christ Rechenschaft ablegen."

    Ich will die verirrten Schafe zurückrufen, die verlorenen suchen. Du magst wollen oder nicht, ich werde danach handeln. Und wenn mich beim Suchen die Dornen des Waldes zerfleischen, durch alles Dickicht will ich mich durchzwängen, alle Zäune aufbrechen. Alles will ich durchsteifen, soweit mir Gott, der furchterregende, die Kraft dazu gibt. Ich will das verirrte Schaf zurückrufen, das verlorene suchen.
Leicht wird's sicherlich nicht, das mußte ich ja schon erfahren, bevor ich meine religiöse Bahn einschlug. Und jetzt auch, schon bevor ich Priester bin, komme ich hin und wieder "ungelegen". Andererseits ist da natürlich Christus, der alles erträglich macht, der in der Tat das Kreuz dem jeweiligen Rücken anzupassen scheint. Oder - um es mit Clemens August Kardinal Graf von Galen bzw. dessen Motto zu sagen: Nec laudibus, nec timore, weder Lob noch Furcht sollen mich motivieren oder abhalten, meinen Dienst zu tun, meine Aufgaben beherzt anzunehmen. Mein Glaube, meine Hoffnung, meine Liebe (sorry, diese leider weder im Sinne zerwühlter schweißnasser Laken noch im Sinne konturloser 68er-Indifferenz sondern hin und wieder durchaus mit einem Gramm väterlicher Strenge) sollen mich leiten. Gott helfe, daß dies nicht nur süße Worte sind.


Thursday, November 15, 2007

Aus einer Auslegung zu Psalm 48 (47)

    So reden die, die sich selbst versprechen, was Gott ihnen nicht versprochen hat. Sie sagen, wenn wir ein schlechtes Leben führen, den Genüssen dieser Welt frönen, unseren Begierden dienen, wird Gott uns dann verderben? Wie viele sind es denn, die wir das Gebot Gottes halten sehen? Es findet sich kaum einer oder zwei, oder ganz wenige sind es. Wird Gott sie allein retten und die Übrigen verwerfen? Nein, nein, sagen sie. Wenn er kommt und eine solche Menge zu seiner Linken (vgl. Mt 25,33) sieht, wird er sich erbarmen und Verzeihung gewähren. Eben das hat auch die Schlange dem ersten Menschen versprochen. Denn Gott hat mit dem Tod gedroht, wenn der Mensch esse. Die Schlange aber sprach: "Nein, ihr werdet nicht sterben." Sie glaubten der Schlange und mußten erfahren, wie wahr die Drohung war, die Gott ausgesprochen, und wie falsch das Versprechen war, das der Teufel gegeben hatte.
Klingt das bekannt? Sollte es aber.

Für mich ist es besonders grausam, wenn ich mir selbst zur Schlange werde und sage "Och, das ist schon in Ordnung so". Nicht, weil ich schwach werde und es zu rechtfertigen suche. Das scheint mir ein ziemlich normaler Prozess zu sein. Mich irritiert, daß ich sündige, obwohl ich es nicht will, und daß ich - schon bevor die Worte gesprochen sind - weiß, daß es eben nicht in Ordnung ist. Ich belüge mich selbst und Gott und spüre das Gewicht nur zur Hälfte. Erst, wenn ich aus dem Beichtstuhl komme und der mir aufgetragenen Buße nachkomme, merke ich, welche Last nun plötzlich weggenommen ist. Dann blicke ich zurück. Dann erkenne ich, wie weit ich von dem entfernt bin, was ich sein sollte und sein könnte. Und dann schmerzt es doppelt. Aber dann heilt die Vergebung auch zweifach. Klar, ich bin natürlich blöd und schwach genug, trotzdem wieder zu sündigen.

Ich will hier nicht die dicke "Asche auf mein Haupt"-Schiene fahren. Ich weiß selbst, daß ich hin und wieder auch was Anständiges auf die Beine bringe. Aber wenn ich Gutes tue, weil Gott mich und alle anderen Menschen liebt und ich ihm auf meine unbeholfene Art zeigen will, daß ich das verstanden habe, indem ich sowohl mich als auch Andere entsprechend unserer uns von Gott gegebenen Natur behandle, was haben dann meine Sünden zu bedeuten?